Dr. Bernhard Bueb, renommierter Schulpädagoge und Bestsellerautor, ist vor allem durch seine das deutsche Bildungssystem anklagenden Fachbücher »Lob der Disziplin« und »Von der Pflicht zu führen« in den letzten Monaten aus dem breiten Angebot der pädagogischen Streitschriften hervorgestochen. Der ehemalige Schulleiter des Internats Schloss Salem drängt vor allem auf eine ausgewogenere Erziehung zwischen »Führen und Wachsen lassen« und die Etablierung von Autorität und Disziplin in der pädagogischen Kultur.
Allein dies versprach eine spannende Diskussion, zu der sich am 19. Mai eine Reihe von Lehrern, zahlreiche Eltern und einige Oberstufenschüler in der Aula des Sankt Meinrad-Gymnasiums einfanden.
Anfangs skizzierte Bueb die egoistische Grundhaltung, Mediengeprägtheit und mangelnde Charakterbildung als herrschende Missstände in den Schulen und beklagte, dass im Unterricht zu sehr die Fächer und zu wenig Schüler unterrichtet würden. Das deutsche Schulsystem sei rein auf akademische Bildung spezialisiert und vernachlässige die Charakterbildung der Schüler. Das Erlernen von Lehrinhalten und Werten erfolge nicht über Belehrung durch die Lehrer, sondern vielmehr durch das eigene Erfahren, was aber zu wenig Berücksichtigung in unserem Schulsystem erfahre. An zahlreichen Beispielen aus dem Internat Salem zeigte Bueb auf, wie beispielsweise mit verpflichtenden sozialen Diensten an einem Nachmittag der Woche und erlebnispädagogischen Wildniswochen in Südfrankreich auch Charakterbildung seitens der Schule gefördert werden kann.
Allgemein plädiert Bueb für eine flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen: In der traditionellen Erziehung in den Familien erzögen überbetreuende Mütter ihre Kinder häufig zu Egoisten. Vor allem Migrantenkinder könnten durch eine Angleichung der Bildungschancen und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in den Schulen stark profitieren. Lehrer sollten ihre Schüler nicht nur in den von ihnen unterrichteten Fächern, sondern auch bei Freizeitaktivitäten am Nachmittag erleben und somit auch bei der Suche nach außerschulischen Begabungen zur Seite stehen.
Buebs Forderungen sehen aber auch eine große Veränderung im Bereich der Lehrerschaft und Schulleitung vor. So sollte nach seiner Auffassung der Beamtenstatus bei Lehrern schnellstmöglich abgeschafft und regelmäßige Unterrichtsbesuche und Leistungsbewertungen bei Lehrern zukünftig zur Gewohnheit werden. Schulen sollten staatlich gefördert, aber privat und dezentral geführt werden. Wirtschaftliche Führungsinstrumente wie befristete Arbeitsverträge, leistungsorientierte Entlohnung sowie Leistungsbewertungen sollen eine deutliche Verbesserung der Qualität an deutschen Schulen bewirken.
In der nachfolgenden Diskussion wurde schnell ersichtlich, dass Bueb keine leeren Phrasen verkündete, sondern wirklich Missstände an unserer wie an umliegenden Schulen herrschen. Schnell beschwerte sich ein Lehrer über die oft überfüllten Klassen, in denen kein vernünftiger Unterricht möglich sei. Für Bueb ist die Klassengröße für den Erfolg schulischen Lernens weniger bedeutend und bewirkt auch noch keinen guten Unterricht. Auch meldeten sich zahlreiche besorgte Mütter, die über die schwindende Freizeit ihrer Kinder im achtjährigen Gymnasium berichteten und schnell feststellen konnten, dass auch Bueb kein Befürworter der baden-württembergischen Schulreform ist. Vielmehr zeigte er, dass seine Thesen aus der eigenen Schulerfahrung resultieren und wohlüberlegt sind, denn auch subtile Fragen konnte Bueb souverän und gekonnt beantworten. Seine Thesen mögen manchen etwas zu totalitär erscheinen, haben aber im Grunde ein wichtiges Resultat hervorgebracht: Die Bildungsdebatte ist wieder entflammt und zeigt, dass die Hoffnung auf Besserungen in den Schulen und im Bildungssystem noch nicht begraben wurde.